Jüdisches Leben

Anmerkung der Redaktion
Wir hätten gerne neue Bilder oder weitere Informationen zum Jüdischen Leben in Waldbreitbach veröffentlich, aber leider sind wir bisher nicht fündig geworden. Um dieses wichtige Kapitel der Ortgeschichte ebenso zu dokumentieren, haben wir uns entschlossen, zumindest den bekannten Text von Herrn Dr. Albert Hardt hier noch einmal allen zu präsentieren.

Weitere Informationen erhalten Sie auch über folgende Webseiten der

Alemannia Judaica – Arbeitsgemeinschaft für die Erforschung der Geschichte der Juden im süddeutschen und angrenzenden Raum

www.alemannia-judaica.de/waldbreitbach_synagoge.htm

www.alemannia-judaica.de/waldbreitbach_friedhof.htm

Judenfriedhof 2013

Judenfriedhof 2013

Judenfriedhof 2013

Judenfriedhof 2013

Grabstein Judenfriedhof 2013

Grabstein Judenfriedhof 2013

Jüdisches Leben im Breitbacher Land

(Quelle: Dr. Albert Hardt; Im Land der Neuerburg an der Wied, ab S. 107, Hrsg. VG Waldbreitbach 1987)

Die Ansiedlung jüdischer Bürger im rheinischen Raum ist bereits für das 10. Jahrhundert bekannt, in einzelnen Zentren nachgewiesenermaßen bereits vor fast 2000 Jahren. In Köln, Mainz, Worms, Trier und Speyer waren seit dem 10. Jahrhundert größere Niederlassungen, wo jüdische Einwohner ihrem Berufserwerb nachgingen. Es waren nicht nur Kaufleute und Händler, sondern auch Handwerker und geistig Tätige. Meist in autonomen Gemeinden organisiert, zogen sie es vor, in marktnahen Land- und Stadtbereichen sich niederzulassen. Als aufgeschlossene Bürger betätigten sie sich am kulturellen Leben, wurden andererseits aber auch wegen wirtschaftlicher Konkurrenz aus verschiedenen Städten und Regionen vertrieben oder nur eingeschränkt zu gelassen.

Schon im ausgehenden Mittelalter lebten in den Orten des Westerwaldes jüdische Familien. In der Umgebung von Neuwied ließen sich die Juden im späteren 18. Jahrhundert nieder. Etwa um 1785 wurde ihnen ein Gottesacker in der Nähe von Oberbieber zu gewiesen. Ganz im Sinne der Aufklärung handelten die Grafen zu Wied, wenn sie den Juden Schutzbriefe ausbändigen. Diese waren seinerzeit erhältlich für 3 Taler. Graf Alexander zu Wied setzte sich damals für die Privilegien der jüdischen Familien besonders ein.

Das Breitbacher Land, im wesentlichen auf die Landwirtschaft ausgerichtet, bot den Juden Gelegenheit, sich als Viehhändler zu betätigen. Im Jahre 1827 erwarb Ahraham Simon Güter auf dem Verscheider Hof in einem Versteigerungstermin. Die jüdischen Haushalte wurden auch zu den gemeindlichen Abgaben herangezogen. Aus einem Steuernachweis gegenüber der Fürstlichen Verwaltung des Jahres 1833 ist zu lesen, daß 5 Familien in Waldbreitbach und 2 Familien in Niederbreitbach mit den Namen Abraham, Hirsch, Jonas, Levy und Jakobs zusammen an Grund- und Klassensteuer entrichtet haben: 59 Taler, 9 Silbergroschen und 9 Pfennige. Etwa um 1820 mußte die Fürstlich-Wiedische Regierung (Abt. Schul- und Kirchenangelegenheiten) über die von den Juden geleisteten steuerlichen Beiträge aufgrund einer Beschwerde der jüdischen Gemeinde über die Verwendung dieser Steuermittlel eine Korrektur fordern, vermutlich daher kommend, daß diese Mittel auch verwendet worden waren für Reparatur- und Aufbauarbeiten an der Kreuzkapelle in Waldbreitbach. Der Verwaltung wurde untersagt, die Steueraufkommen, welche die jüdische Gemeinde aufbringt, für solche Vorhaben einzusetzen.

Daraus ist auch zu entnehmen, daß zu diesem Zeitpunkt bereits eine Synagoge in Waldbreitbach ihren Standort hatte. Bestimmt aber ist dies nachgewiesen aus dem Jahre 1823. In einer Beschwerde, die dem späteren Bürgermeister Liesering vorgetragen wurde von dem Juden Simon Abraham, heißt es, daß man das Verhalten des Synagogenvorstehers Nathan Abraham nicht länger billigen könne. Der Synagogenvorsteher habe wiederholt die Obliegenheiten seines Amtes vernachlässigt, beim Ablesen der Gesetzestafel mehrere Verse ausgelassen. Im Schulunterricht muß es auch nicht korrekt zugegangen sein: es gab eine Auseinandersetzung mit dem jüdischen Lehrer. Wegen der mangelnden Verrichtung der ihm zugewiesenen Obliegenheiten sei er in diesem Amte nicht mehr verantwortbar. Sein Eigensinn und seine Taubheit führe letztlich zu dem ungebührlichen Verhalten.

Im Jahre 1839 wurde der Vorgang nochmals aufgegriffen, die Fürstl. Regierung sah vorläufig von einer Bestrafung ab. Allerdings wurde dem Synagogenvorsteher angedroht, wenn keine Besserung einträte, müsse man sich die Strafe vorbehalten. Die nächste Beschwerde folgte auf dem Fuß, ebenfalls wegen ungebührlichen Benehmens. Er, Nathan Abraham, störe den Gottesdienst, er gebe Ärgernis, spiele mit dem Söhnchen des Samuel Elias. Anläßlich dieser Störungen, die sich ständig wiederholten, verließen der Beschwerdeführer und andere Gläubige die Synagoge. Auch andere jüdische Mitbürger bestätigten dem Bürgermeister das ungebührliche Verhalten. Nathan Abraham aber wies dies nach einer Anhörung durch die Amtsverwaltung mit Betroffenheit zurück. Ende der vierziger Jahre eskalierte der Streit. Es mußte eine gesonderte Instruktion für das Verhalten in der Synagoge erlassen werden. Unter Bezug auf diese Darstellung kann davon ausgegangen werden, daß in dieser Zeit bereits ein intensives religiöses Leben der jüdischen Gemeinde in Waldbreitbach zu verzeichnen war.

 

Bestätigt ist ebenfalls, daß die Steuermittel der jüdischen Bürger nicht verwendet werden durften für die Bauunterhaltungsarbeiten des Amtsfriedhofes in Waldbreitbach. Der neue Amtsfriedhof, 1833 erstmals belegt, war nicht für die Aufnahme der jüdischen Bürger bestimmt. Wenn sie in dieser Zeit für die Bestattung ihrer Toten noch nicht den hiesigen Judenfriedhof angelegt hatten, so muß man annehmen, daß ihre Verstorbenen auf dem Friedhof in Oberbieber bestattet wurden. Denn aus einer Steuerakte ist zu entnehmen, daß die von den Familien der jüdischen Gemeinde aufgebrachten Steuern für die Neuerschließung und auch für die Unterhaltung des katholischen Friedhofes 59 nicht verwendet werden sollten.

 

Aus den Aufzeichnungen im Amtsarchiv der folgenden Jahrzehnte sind folgende Angaben über die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung zu entnehmen:

Waldbreitbach Niederbreitbach

1817: 44 Juden im Amt Neuerburg

1843: 25 Einwohner 15 Einwohner

1854: 33 “ 14 “

1855: 31 “ 9 “

1856: 33 “ 12 “

1857: 36 “ 11 “

1864: 48 “ 10 “

1868: 51 “ 9 “

1897: 50 “ 12 “

1925: 44″ 0 “

Damals lebten in Oberbieber 53, in Niederbieber 26 Juden.

In Niederbreitbach wohnten die Familien Auschur Abraham und Marx Jakobs. Die Judenwitwe Löw wohnte um 1813 in dem bereits vom Verfall bedrohten Herrenhof. Bis Ende des 19. Jahrhunderts wohnte eine jüdische Familie in dem Eckhaus Kurtscheider Straße/Jakobus-Wirth-Straße – heute Kaufhaus Lay. Und vorübergehend bewohnte eine jüdische Familie namens Meier das an der heutigen Jakobus-Wirth-Straße stehende Eckhaus – heute Schuhmacher Franz Hardt. Noch vor dem 1. Weltkrieg verließen diese Niederbreitbach und zagen nach Sinzig. Dort gingen sie dem Pferdehandel nach. Die Familie Abraham, die bereits seit den zwanziger Jahren im 19. Jahrhundert in Niederbreitbach anzutreffen ist, wohnte bis zur Jahrhundertwende in dem ehemaligen Lebensmittelgeschäft des späteren Hauses Mertesacker. Jakob Marx wohnte Ecke Jakobus-Wirth-Straße/Margarethe-Flesch-Straße.

Von den im Kreise Neuwied zu Anfang des Jahrhunderts wohnenden Juden – es waren im Kreis Neuwied damals etwa 600 – lebte ständig eine kleine Gemeinde in Waldbreitbach. Einem Bericht über die Gründerin des Waldbreitbacher Franziskanerordens, Mutter Rosa, etwa um 1851, ist zu entnehmen, daß der Margarete Flesch für ihre Behausung in der Kreuzkapelle von dem Waldbreitbacher Synagogenvorsteher ein Ofen und ein Kochtopf vermacht wurden. Diese und andere Wohltaten hinderten die jüdischen Mitbürger jedoch nicht daran, untereinander auch einen Streit auszulösen, wie der jüdische Bewohner Aaron Meier sich mit Samuel Abraham im Dezember 1851 um einen Platz in der Synagoge stritt. Meier beschwerte sich, daß der von ihm erworbene und bezahlte Stuhlplatz von Samuel Abraham eingenommen würde. Er habe ihm seine Rechte auf diesen Stuhl klargemacht mit der Bedeutung, daß er von ihm verlange, diesen Stuhl sogleich zu verlassen. Meier weiter: Jedoch Samuel Abraham spottete meiner und befolgte meine Aufforderung nicht. Ich war dann genötigt, einen anderen Platz zu nehmen. Schlimmer noch: Samuel Abraham setzte seine Meckereien fort, usw. Die Beschwerden wiederholten sich, so daß der Bürgermeister ausgleichend eingreifen mußte. Samuel Abraham tat kund, daß er keinen Streit wolle. Aber die von seinem Schwager Meier vorgetragenen Vorwürfe weise er zurück; dieser habe keine größeren Rechte. Er gab die Vorwürfe zurück und sagte: »Meier ist es, der durch Lachen und Schwatzen den Gottesdienst stört. Das ist öfter der Fall.«

Die Familie Meier – der letzte war Max Meier – wohnte in einem alten Westerwälder Fachwerkhaus hinter der Bäckerei Wilhelm Bungarten. Heute befindet sich hier zwar teilweise die Backstube der Firma Bäckerei Schmidt bzw. der Hofraum des Wohnhauses Engels. Das alte Fachwerkhaus Meier, genannt auch »Meiesch Massiv«, seit den zwanziger Jahren in sehr dürftigem Zustand, wurde Anfang der vierziger Jahre abgerissen.

In unmittelbarer Nähe, etwa dort, wo heute das Friseurgeschäft Mosler steht, früher auch Stoffel, Ecke Neuwieder Straße/Oberdorfstraße, stand das Haus des Leopold Jonas. Diese Ecke war bekannt unter dem Zunamen »Rawols Haus«. Zur Straße war dieses Anwesen mit einer Mauer abgegrenzt. Dies war die »Rawols Mauer«. Lange Jahre diente dieser Bereich als beliebter Treffpunkt. Manche erinnern sich noch heute an die alte Hausecke des Rawols Hauses wie auch an die Mauer, wie in den Wintermonaten, bei Eis und Schnee, »die Zeip« – heute Deutschherrenstraße – als Schlittenbahn genutzt wurde. Dieses Anwesen wurde bereits Mitte der dreißiger Jahre abgerissen. Die Mauer mit dem runden Gesims fiel der Straßenverbreiterung zum Opfer.

 

Bis in das Jahr 1880 reicht die Erinnerung an das Mus’che Häuschen (heute Neuwieder Straße 65), so benannt nach Moses

 

Jm späten 19. Jahrhundert lebten in Walbreitbach die Familien Meier, Wolf, Levy und Jonas.

 

In einem Mitgliederverzeichnis des Landwirtschaftl. Versicherungsvereins für Rheinpreußen von 1873 sind aus dern Amtsgebiet Neuerburg folgende jüdische Bewohner aufgeführt:

David Levy Handelsmann Waldbreitbach

Leni Levy “ “

Jonas Levy “ “

Marx Levy “ “

K. Levy “ “

B. Levy “ “

Abraham Samuel “ “

Moses Levy “ Niederbreitbach

Dieses Verzeichnis ist jedoch nicht vollständig.

 

Am gesellschaftlichen Leben, somit auch in vielen örtlichen Vereinen, waren die jüdischen Bürger ebenso beteiligt wie jeder andere Einwohner. Als im Juni 1853 die Waldbreitbacher Schützengesellschaft ins Leben gerufen wurde, waren auf der Liste der Gründungsmitglieder: Dr. Kaiser Apotheker Hörder, Lehrer Beng, Lehrer Wolf, Schichtmeister Prion, Gastwirt Brücken, Friedrich Seibert, Kaufmann Nahsen, Bürgermeister König, Exekutor Müller, auch Raphael Levy aufgeführt.

Im Jahre 1910 trat dieser Gesellschaft auch Max Levy bei. Und im Jahre 192o wurde Theo Levy aufgenommen. Scheinbar hatte Theo Levy hier Freunde gefunden, denn 1929 schickte er dem Vorstand der Schützengesellschaft eine Karte um seine Verlobung anzuzeigen mit Erna Süssmanni aus Ochtendung. ln der Mitgliederliste ist er im April 1933 noch benannt.

Nachdem die erste nationale Begeisterung bei Kriegsbeginn 1914 verebbt war und schmerzliche Nachrichten, besonders von der Westfront, eintrafen, erlebten die jüdischen Familien in gleicher Sorge den Alltag mit den vielen Unwägbarkeiten und Einschränkungen der Kriegsjahre wie alle anderen Bürger.

Einige ihrer Söhne kehrten mit hohen Tapferkeitsauszeichnungen nach Kriegsende zurück, beispielsweise Louis Jonas und Theo Levy; andere, so Albert Levy, waren in ihrer Gesundheit stark beeinträchtigt. Durch eine Minenexplosion in einem schwer umkämpften Frontabschnitt waren sein Gehör und seine Sehkraft beträchtlich eingeschränkt. Die Mitglieder ihrer Gemeinde Jonas Levy, Isidor Levy und Julius Levy waren im blühenden Alter von 23, 36 und 20 Jahren an der Westfront gefallen, und die Väter, Mütter und Geschwister waren von gleichem Schmerz getroffen wie die Angehörigen der übrigen christlichen Gefallenen dar Gemeinde Waldbreitbach. Im Andenken an alle erbaute man im Jahre 1925 ein Ehrenmal an der Kirche. Auch die Namen der jüdischen Söhne waren in die Tafel des Mahnmals eingemeißelt mit weiteren 180 gefallenen Söhnen der Heimat.

Schon 1920 hätte das Programm der Nazis die jüdischen Bürger aufschrecken können: »Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist, ohne Rücksicht auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.« – »Wer nicht Staatsbürger ist, soll nur als Gast in Deutschland leben können und muß unter Fremdgesetzgebung stehen.« »Wenn es nicht möglich ist, die Gesamtbevölkerung zu ernähren, so sind die Angehörigen fremder Nationen (Nicht-Staatsbürger) aus dem Reich auszuweisen« usw. Auf diese Thesen wurde zum Wahlvorschlag der Liste 8 in der Wahlwerbung 1928 hingewiesen, nachdem die anderen Parteien der Naziorganisation Führungs- und Konzeptionslosigkeit vorgeworfen hatten. Die einfachen Bewohner der jüdischen Gemeinde in Waldbreitbach meinten daher, daß diese Thesen für sie nicht zuträfen. Ihre Eltern, Großeltern waren hier geboren, sie lebten wie alle anderen in ihrer Heimat mit allen Rechten und Pflichten. Auch als die Nationalsozialisten im Wahlkampf 1931 mit der Wahlzeitung Nr. 2 »Flammenwerfer« noch deutlicher wurden und Adolf Hitler als Reichspräsident vorstellten, mag man nicht daran geglaubt haben, daß die bürgerlichen Parteien bald das Ruder aus der Hand geben mußten. Hunger und Elend der damaligen Jahre machten es leicht für extreme Parolen, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. In dem Flugblatt werden die Juden 1931 insgesamt als »Schieber« und »Kriegshetzer« dargestellt und in menschenunwürdigen Bildern dargestellt. »Jüdischen Kaufhäusern« wird der Boykott angedroht und dem »Finanzjudentum« wird der Garaus angekündigt, da es an dem Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft verdiene.

Ebenfalls die Plakatankündigungen für Wahlveranstaltungen der NSDAP im April – Juni und August des Jahres 1931, in denen die Redner der neuen Nationalsozialistischen Partei über die Themen referierten »Freiheit und Brot« oder »Christenkreuz oder Sowjetstern« in den verschiedenen Sälen der hiesigen Gemeinden waren alle mit dem Aufdruck vermerkt »Juden haben keinen Zutritt.«

Was konnte die kleine jüdische Gemeinde gegen derartige diskriminierende Losungen schon ausrichten?

Sie konnten dies alles nicht so recht verstehen; sie glaubten nicht daran, daß auch für sie, doch alte Waldbreitbacher Bürger, diese Drohungen zuträfen. Lebten sie doch schon seit Generationen im Wiedtal, hatten ihre Pflichten auch gegenüber dem Staate erfüllt. Viele von ihren Glaubensbrüdern bekleideten wichtige Positionen in der Industrie, Wirtschaft oder waren bekannte, verdiente Wissenschaftler. Louis Jonas und Theo Levy waren mit hohen Auszeichnungen für beispielhaften Einsatz an der Front geehrt worden.

Als im November 1912 in Waldbreitbach die Freiwillige Feuerwehr gegründet wurde, standen auf der Liste der Gründungsversammlung auch die Namen von Albert Levy und Louis Jonas. Theo Levy trat nach Beendigung des Weltkrieges dem Löschzug bei.

Wie berichtete doch Lehrer Alfter in der Chronik der Schule Siebenmorgen 1914:

»Am ersten August, nachittags 6 Uhr, kam telegraphische Nachricht von Hümmerich aus, daß der Kaiser die Mobilmachung seines ganzen Heeres und der Flotte befohlen habe. Kurz nach 6 Uhr sprengte Marx Levy von Waldbreitbach heran und brachte vom Bürgermeisteramt aus den Mobilmachungsbefehl, der am Haus des Herrn Anton Weißenfels in Siebenmorgen angeschlagen wurde.«

Ältere Einwohner überliefern, daß die jüdischen Mitbewohner in ihrem Nationalbewußtsein eine vorbildliche patriotische Einstellung hatten. Sie gingen weiter ihren Alltagspflichten nach, betätigten sich in der Gesellschaft, gingen ihren Geschäften nach beteiligten sich auch an der Wahl im Januar 1933 und un November 1933. Wenn es stimmt – was die Partei der NSDAP in einem Lagebericht 13.11.1933 schreibt:

»…es kann daraus nicht geschlossen werden. daß die ortsansässigen Wähler der ehemaligen Linksparteien heute unverändert daständen und die Abgeber der Neinstimmen sein müßten.«… » und vielmehr vermutet daß die Hälfte der ehemaligen Sozialisten und Kommunisten sich hier voll hinter den Willen der Regierung gestellt haben, jedoch Fanatiker aus der ehemaligen Zentrumspartei in einem geringen Ausmaß ihren Haß gegen die Nationale Bewegung durch die Verneinung bei der Abstimmung Ausdruck gaben. Katholische Ortansässige haben erstmals fast geschlossen für das Werk und die Bewegung des Führers gestimmt« – »das Judentum, hier mit 26 Wahlberechtigten vertreten, hat restlos gewählt. Nachdem der vorgebrachte Wunsch dieser Wähler unter Aufsicht wählen zu dürfen, (damit ihr „Ja“ festgestellt wurde, begreiflicherweise nicht erfüllt werden konnte, haben dieselben aus sich heraus einen anderen Weg gefunden, um ihre Bejahung unter Beweis zu stellen. Von den abgegebenen Stimmzetteln waren 25 Stimmzettel zum Volksentscheid mit Rotstift unter „ja“ angekreuzt und in gleicher Weise 24 Zettel zur Reichstagswahl. Diese bejahenden Stimmen waren einwandfrei gültig und von Juden abgegeben«.

Wenn man diesen Berichtsauszug heute wiedergibt, fragt man sich, wie es um die Einhaltung des Wahlgeheimnisses bei diesen Wahlen bestellt war?! Es ist zu vermuten, daß die jüdische Bevölkerung seinerzeit schon unter erheblichem Druck stand und als Minderheit nicht den Mut aufbrachte, gegen alle zunächst unscheinbaren Repressalien anzugehen. Nach dem Machtwechsel Januar 1933 sollte es sich noch verschlimmern, die Verfolgung, Verspottung und die Verunglimpfungen verstärkten sich, wenn zunächst auch im dörflichen Geschehen alles seinen Gang ging z.B beim Großbrand im Januar 1934 im St. Josefshaus in Hausen, bei dem alle Löschzüge des damaligen Amtes, unterstützt durch die Neuwieder und Hönninger Wehren, eingesetzt werden mußten, rückten auch die jüdischen Mitglieder des Löschzuges Waldbeitbach mit aus. Es wird berichtet, daß Theo Levy – er ist auf einem Foto der Ausgabe des Nationalblattes vom 18. 1. 1934 abgebildet – sich durch besonders mutigen Einsatz um die Schadensabwehr verdient gemacht hat. –

Doch dies zählte bald nicht mehr, und in der Mitgliederliste der Freiw. Feuerwehr waren die Namen der jüdischen Wehrleute bald nicht mehr aufgeführt. Auch die Feuerwehren wurden »entjudet«, wie die amtliche Bezeichnung dafür lautete. In den verschiedenen Erlassen der neuen Regierung, unterstützt durch die Parteiorganisation NSDAP – Gauleitung – Kreisleitung – Ortsgruppenleitung, verdichteten sich die Einschränkungen, denen sich die Juden in allen Lebensbereichen zu unterwerfen hatten. In dem Versammlungsprotokoll vom 23. September 1934 der Feuerwehr Waldbreitbach heißt es: »… daß infolge der neuen Anordnungen die Feuerwehren als Mitglied den verschiedenen NS-Organisationen angehören sollen«. Jedenfalls Traurigkeit und vielleicht auch schleichende Angst überdeckte den Abschied der jüdischen Mitglieder, der als Bezeugung der Ehre und für eine Anerkennung treuer Dienste gedacht war.

Die Schulbehörde regelte durch neue Vorschriften die Schulorganisation für die jüdischen Kinder, »… sie können am jüdischen Neujahr zwei Tage, am Versöhnungsfest einen Tag, am Laubhüttenfest zwei Tage, am Beschlußfest zwei Tage und am Passahfest die zwei ersten und die zwei letzten Tage und am jüdischen Pfingsfest zwei Tage vom Unterricht fernbleiben. An gewöhnlichen Sonnabenden auf Ansuchen der Erziehungsberechtigten ganz oder für die Stunde des Gottesdienstes vom Schulbesuch befreit werden« usw. –

Doch Mitte der dreißiger Jahre verschärften sich auch die schulischen Auflagen und Vorschriften für die jüdischen Kinder. Übrigens nicht nur durch amtliche Einschränkungen, nein, auch das jugendliche Umfeld der Mitschüler, die weitestgehend im »Jungvolk« oder in der »Hitlerjugend« (HJ) organisiert waren, beteiligte sich an der antijüdischen Kampagne.

Bei sorgsamer Beurteilung muß man die Beobachtung wiedergeben, daß, bewußt oder unbewußt, auch die amtlichen Vertreter der Kirche, die zur Übernahme des Religionsunterrichts an der Schule tätig waren, durch eine Nichtbeachtung der andersgläubigen jüdischen Kinder die Ausartung der Diskriminierung nicht verhinderten, sondern eher erleichterten. Bemerkungen und Zurechtweisungen von Amtsträgern der Kirchen haben dazu beigetragen, daß die heranwachsende Jugend sich recht respektlos gegen ihre jüdischen Mitschüler verhielt. Demütigungen und hetzerische Auslassungen, Hänseleien waren an der Tagesordnung. Die jüngsten Schüler der Familien Jonas und Levy hatten vieles auszustehen. Schlimme Schlägereien und Böswilligkeiten – unter Zuhilfenahme von Schulterriemen und Koppeln der HJ-Kleidung, beim Aufenthalt im Schulhof oder auf dem Heimweg – waren je nach Auswirkungen der Parteipropaganda und der Einflußnahme der Hetzschriften fortan üblich. Die 8-, 10- und 12jährigen Schüler – Ilse Levy, Ernst Levy, Siegbert Jonas – kamen verschüchtert und verängstigt auf den Schulhof, sonderten sich ab, waren Tag um Tag und Woche um Woche mit Angst erfüllt, da in ihrem Elternhaus vermutlich auch schon die schmerzlichen Spuren des Antisemitismus empfunden wurden und eine böse Ahnung sich breitmachte.

Das Verhalten fanatischer SA-Mitglieder oder Parteifunktionäre verunsicherte die jüdischen Einwohner. Der Deutsche Gruß „Heil Hitler“, so im Sommer 1934, wurde selbst beim Zutritt in die Gastwirtschaften provozierend und sehr hörbar propagiert.

Und sagte jemand „Guten Abend“, stimmte der „Abschnittsleiter“ der NSDAP das Lied an: „.. hängt die Juden, stellt die Bonzen an die Wand!“ Wahrlich alarmierende Entwicklungen im dörflichen Leben.

Der Sohn von Johanna Levy – im Volksmund unter dem Namen „Mottchens Hannche“ bekannt – hatte eine bedeutende Funktion als Elektrotechniker und Kaufmann bei Siemens-Schuckert in Essen. Er wurde unmittelbar nach der Machtübernahme durch die Nazis seines verantwortungsvollen Postens enthoben und emigrierte zunächst nach Holland.

Daniel Jonas wiederum war allenthalben geachtet. Er verstarb im Jahre 1934. Er war im Dorf und der Umgebung von Waldbreitbach als angenehmer, solventer, inzwischen 79 Jahre alter Mitbürger angesehen, der sich auch für gesellschaftliche und kulturelle Belange im Dorf einsetzte. Vor dem Weltkrieg war er Mitglied im Vorstand des Verkehrs- und Verschönerungsvereins. Es war naheliegend, daß viele Mitbürger an der Beisetzung auf dem jüdischen Friedhof teilnahmen. Dies wurde einigen Parteimitgliedern der neuen Nazipartei zum Verhängnis. Der seinerzeit noch amtierende und als zuverlässiger Parteimann der ersten Stunde und Ortsgruppenleiter von Waldbreilbach – bei der Naziorganisation ein wichtiger Funktionsträger – hatte den alten Bekannten, Daniel, auf dem Weg zur letzten Ruhe begleitet. Dies wurde ihm zum Verhängnis. Er wurde über Nacht als nicht zuverlässig sowie wegen parteischädigenden Verhaltens aus der Organisation ausgeschlossen und seines Amtes enthoben. Ein anderer Vorfall einige Jahre später: im Juli 1937, als der Vater von Theo Levy, Isaak Levy, im Alter von 69 Jahren verstarb, bemühten sich die Hinterbliebenen darum, im Dorf Waldbreitbach ein Pferdegespann anzuheuern. Die Mühe war vergeblich. Gewarnt durch erheblichen, aus heutiger Sicht unverständlichen Druck seitens der herrschenden Parteiorgane waren die Inhaber der landwirtschaftlichen Betriebe in Waldbreitbach nicht bereit, für den Leichenwagen Pferd und Fuhrmann bereitzustellen. Der Sohn Theo versuchte es bei dem Landwirt Sahl im Ackerhof. Dieser entsprach dem Anliegen, auch im Respekt vor dem toten Vater, der wohl keinem Menschen etwas zuleide getan hatte. Nach wenigen Tagen schon waren einige Straßenbäume und Telegraphenmasten mit Plakaten versehen. Darauf wurde das ungebuhrliche, volksschädigende Verhalten des Bauern angeprangert, und die Familie auf dem Ackerhof bangte und ängstigte sich darum, daß die »PGs« (Parteigenossen), teilweise Berufskollegen, möglicherweise »erzieherische Maßnahmen« einleiteten, denn die Drohung eines Ausschlusses aus der Volksgemeinschaft war schon wegen dieses Dienstes an einem jüdischen Mitbürger angekündigt worden.

Im Übrigen erschienen in der Presse ständig Appelle, – so im „Stürmer“, einem NS-Hetzblatt. Diese riefen zum Boykott jüdischer Geschäfte auf. In den Städten wurden Namen jener Bürger veröffentlicht, die sich nicht scheuten, ihre Einkäufe weiterhin in jüdischen Betrieben zu tätigen.

Die Handelsgewohnheiten der jüdischen Viehhändler, deren Betätigungsfeld sich von hier aus bis weit ins Neustädter und Asbacher Land hinzog, waren im Urteil ihrer Kunden, der kleinen Landwirte, nicht selten umstritten. Sie waren halt „Geschäftstüchtige“, würde man heute sagen, jedoch ohne daß sie es zu großen Reichtümern gebracht hätten. Wäre dies der Fall gewesen, so hätten sie bereits in frühen Jahren der Naziherrschaft eine genügende Finanzausstattung gehabt, um ihre Auswanderung zu finanzieren. Dazu waren die meisten nicht in der Lage. Dem Viehhändler Robert Jonas, Waldbreitbach, so ist aus einem Bericht des Nationalblattes vom August 1935 zu entnehmen, wurde die Beschwerde einer Witwe zum Verhängnis, so daß man ihn in der Presse als „betrügerischen Viehjuden“ beschimpfte und eine Warnung ankündigte für alle „Judenknechte“.

Was war geschehen? Jonas hatte dieser Frau eine Kuh verkauft zum Preise von RM 350,–; gleichzeitig hatte er die alte Kuh der Bäuerin für RM 120,– in Zahlung genommen. Er muß der Frau wohl zugesichert haben, daß die erworbene Kuh viel Milch gebe. Er räumte der Käuferin für den Restpreis ein großzügiges Zahlungsziel ein. Die enttäuschte Witwe verlangte, den Kauf rückgängig zu machen. Doch dieser unerfüllte Wunsch führte schließlich zu einem Prozeß, der mit einer Bestrafung des Viehhändlers (RM 300,– ) endigte, obgleich der Berichterstatter des Nationalblattes den Juden Jonas »als Schädling der deutschen Wirtschaft« gerne in Palästina gesehen hätte, um dort mit gleichen Praktiken seine Rassegenossen zu schädigen.

Im stillen pflegte man trotz der Überwachung durch die örtliche Parteiorganisation innerhalb der Bevölkerung dennoch zarte Verbindungen mit den alteingesessenen Bürgern. Man übte Mitleid, als ihre Existenz bedroht wurde, und praktizierte stille Hilfe – jedoch immer in der Gefahr, daß von besonders diensteifrigen „Parteigenossen“ bei der Behörde Anzeige erstattet wurde. Die Besitzerin eines Gasthofes, in deren Lokal an sich die SA und Parteiorganisationen bevorzugt verkehrten, ließ sich, da einige Produkte der jüdischen Metzgereien als Qualitätsware bekannt waren, das Fleisch oder bestimmte Wurstwaren in der Dunkelheit oder in den späten Abendstunden bringen. Während in ihrem Lokal allzu einseitig orientierte, aber den Nazis treu ergebene, eifrige Mitglieder dienstlich Diskussionen führte, diente der Wirtin ein kleines verstecktes Fenster ihrer Hotelküche dazu, mit den jüdischen Geschäftsleuten der näheren Nachbarschaft schnell handelseinig zu werden.

Verängstigt durch die immer strenger werdende autoritäre staatliche Überwachung, die verschärften Beobachtungen der örtlichen Polizei und Funktionäre, resignierten die Dorfleute und brachten nicht mehr den Mut auf, die bereits eingeschränkten Kontakte aufrechtzuerhalten. Die Verbindung mit den jüdischen Familien schwand bis auf wenige Ausnahmen. Auch die Gelegenheit jüdischer Haushaltsvorstände, beispielsweise eine persönliche Beratung mit den arischen Mitbewohnern in Anspruch zu nehmen oder die Erledigung eines Anliegens zu besprechen, war nur noch möglich, wenn sie dazu die späten Nachtstunden nutzten. Diejenigen, die noch eine schwache freundschaftliche Verbindung mit einer Waldbreitbacher Familie hatten, waren so hilfreich, wie es die Umstände eben zuließen; sie begaben sich aber dafür in Gefahr.

Je mehr der Prozeß der Diskriminierung, auch ausgelöst durch neue Anordnungen der Geheimen Staatspolizei, verstärkt wurde, griffen auch die örtlichen Behörden der hiesigen Amtsverwaltung oder der verantwortlichen Parteileitung ein. Der Kontakt zur Bevölkerung, sei er privat oder geschäftlich, wurde durch ständige Drohungen und Auflagen gestört und unterbunden.

Handwerksbetriebe, die von jüdischen Bewohnern wegen einer Dienstleistung oder eines Reparaturauftrags in Anspruch genommen wurden, mußten auf Befragen durch die örtlichen Gendarmen dafür Rechenschaft abgeben. Nach Meinung der Behördenvertreter sei dies aus volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten zu verurteilen. Nicht selten wiesen die Handwerker und Unternehmer vorsorglich darauf hin, daß der langjährige Kunde der jüdischen Gemeinde bisher seine Rechnung immer bezahlt habe und vielfach diese als Kunden, was die Zahlungsmoral betreffe, zuverlässiger einzustufen seien als manch anderer Kunde aus der Bürgerschaft. Dennoch wurden die örtlichen Unternehmer unter Androhung behördlicher Maßnahmen gezwungen, diese die Volkswirtschaft schädigenden Kontakte zu unterlassen.

Ähnlich erging es 1938 einem Viehhändler aus Roßbach, der mit dem Händler Louis Jonas, Waldbreitbach, aus beruflichen Gründen vielfachen Kontakt gepflegt hatte. Louis Jonas hatte ihm mit Sorgen mitteilen müssen, daß er kaum mehr in der Lage war, seine häusliche Wohnung zu beheizen, da es Jonas wegen der inzwischen strengen Boykottmaßnahmen nicht möglich war, Brennstoffe wie Kohle und Briketts zu beschaffen. Der Viehhändler aus Roßbach erinnerte sich der langen Bekanntschaft mit Jonas und beschaffte ihm sogleich eine Fuhre Briketts, die er mit eigenem Fuhrwerk von Neustadt nach Waldbreitbach transportierte.

Kurz bevor Louis Jonas seinen Betrieb aufgeben mußle und das letzte Stück Vieh absetzte, verkaufte er dieses an den Händler aus Roßbach. Dieser trieb das Vieh über die Chaussee nach Roßbach. An der Lache wurde er von einem besonders zuverlässigen Parteifunktionär angesprochen. Der Parteigenosse machte dem Viehhändler heftige Vorwürfe »ob seines mangelnden volkstümlichen Empfindens« und ließ unmißverständlich verstehen, daß ein solches Verhalten eines „Volksgenossen“ verwerflich sei. – Allein mit seiner Kuh, die letzte aus Louis Jonas Stall, und mit seinen eigenen Gedanken setzte der Händler jedoch seinen Weg nach Roßbach fort.

Kamen die Bauern aus nah und fern sonntags in die Waldbreitbacher Kirche, so war die Gelegenheit des Handelns für die Juden günstig. An der Haupstraße des Ortes hatte jedoch jeder Jude den ihm eigenen Platz, wo er die Kunden ansprach, besonders aber an der Alten Schule oder an der Kirchtreppe. Die Juden verliehen auch Geld, manchmal zu überhöhten Zinsen, manchmal auch zinslos, um die Kunden an sich zu binden. Bauern aus früher Zelt wissen zu erzählen, daß oftmals die Juden den mittellosen Bäuerinnen eine Kuh in den Stall stellten: die Bäuerin erhielt so die Milch, der Jude aber eine gut genährte Kuh.

Noch im Jahre 1910 stellte der Bürgermeister Holter fest, daß es in Waldbreitbach die nachstehenden Judenfamilien gäbe:

Daniel Jonas, Handelsmann

Jacob Jonas, “

Samuel Jonas, “

Wolf Jonas, Metzger

Johanna Levy, Wtw., Krämerin

Isaak Levy, Wtw., Metzger

Theo Levy, Handelsmann

Wolf Levy, Metzger

Aus den Nachweisen der Verwaltung entnimmt man, daß 1933 in Waldbreitbach 12 Familien lebten. 6 Familien mit Namen Jonas, 6 Familien mit Namen Levy. Verschiedene jüdische Einwohner hatten Haus- und Grundstücksbesitz.

Wolf Jonas, Metzgerei Adolf-Hitler-Str. 33 heute: Wiedtal-Verkehrsburo am Kreuz

Robert Jonas, Handelsmann Adolf-Hitler-Str. 36 abgerissen – am heutigen Platz am alten Kreuz –

Johanna Levy, Krämerin verwitw. Löb Levy Adolf-Hitler-Str. 40 abgerissen – heute: Neuwieder Str. 85 – 87

Max Levy, Handelsmann Adolf-Hitler-Str. 52 heute: Neuwieder Str. 91

Theobald Levy, Handelsmann Adolf-Hitler-Str. 64 heute: Neuwieder Str. 105

Isaak und Karline Levy, Handelsmann An der Kirchtreppe 4 heute: An der Kirchtreppe 3

Albert Levy, Handelsmann Adolf-Hitler-Str. 42 heute: Cafe Neuwieder Str. 48

Louis Jonas, Handelsmann Adolf-Hitler-Str. 47 heute: Fahrschule Neuwieder Str. 52

Geschwister Levi, Metzgerei Oberdorfstr. 3 abgerissen

Synagoge, Gotteshaus der jüdischen Gemeinde Adolf-Hitler-Str. 46 a heute: Neuwieder Str. 85 – 87

 

Ausschnitt Dorfmitte mit alter Schule (oben rechts) und der Synagoge (unten rechts)

Ausschnitt Dorfmitte mit alter Schule (oben rechts) und der Synagoge (unten rechts)

 

Anfang der dreißiger Jahre führten einige der jüdischen Familien ein Geschäft: Max Levy Schuhgeschäft; Hann’chen Levy Krämerladen; Albert Levy Spielwaren, Gemischtwaren, Textil; Wolf Levy Metzgerei – alle in der Hauptstraße, damals Adolf-Hitler-Straße. In der Oberdorfstraße 3 Benny Levy eine Metzgerei und Blondine Levy ein Putzmachergeschäft.

Der Einkauf in jüdischen Geschäften wurde immer risikoreicher. Die NS-Zeitung „Westdeutscher Beobachter“ wie auch „Der Stürmer“ verkündeten „Juda verrecke“. SA-Angehörige registrierten die Käufer in jüdischen Geschäften, deren Häuser bald mit hetzerischen Plakaten garniert waren: „Dieser frißt Fleisch vom Juden“.

Ein beliebtes Hotel in Waldbreitbachs Mitte war in besonderer Weise den Anfeindungen der Nazis ausgesetzt. Auf dem Sockel der Hotelterrasse stand eines Morgens in großen Lettern: Hier frißt man Fleisch vom Juden.

Vor Tagesanbruch hatte der Hotelbesitzer durch einen örtlichen Anstreicher den Sockel überstreichen lassen, so daß man die Verschandelung nicht mehr lesen konnte. Doch die Nazi-Organisation ließ nicht locker: nach wenigen Tagen schmierte man die gleichen Texte in großen Buchstaben mit Bleiweißfarbe auf den Strassenasphalt, versehen mit einem großen Richtungspfeil auf den seit 1777 ansässigen alten Gasthof. Auch davon ließ sich die Hotelfamilie nicht beirren. Anstreichermeister Sch. entfernte mit einer Speziallösung den auf der Straße angebrachten Richtungspfeil. Damit war, gemäß der Plazierung der großen Buchstaben, die peinliche Tatsache eingetreten, daß der Schriftverlauf auch oder teilweise vor dem Anwesen prominenter Parteigrößen lesbar war.

Zur schulischen Ausbildung ordnete der Reichs- und preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Bildung am 2. Juli 1937 an, bezüglich der Schulerziehung jüdischer Kinder nach den Vorschriften des Reichsbürgergesetzes von 1935 zu verfahren. Hierzu ergingen Richtlinien. Diese besagten u. a.:

…Juden dürfen nur jüdische Schulen besuchen. Wenn keine verfügbar sind, sollen in der Volksschule Sammelräume eingerichtet werden (Erlaß E I – Koblenz 3 – 745 – Dezember 1938). – Dies gelte als vorläufig. In Kürze erfolgen andere Vorschläge, da eine Unterrichtung deutscher und jüdischer Schuler in gleichen Gebäuden nicht mehr in Betracht kommt.

Mit Verfügung 796 vom 17.12.1938 und vom 31.12.1938 werden von den Ressortministerien Regelungen angekündigt über die Einstellung von Zuschüssen für private jüdische Schulen sowie auch die Haftentlassung judischer Lehrer, um die separate Beschulung sicherzustellen.

Sollte absolut die Möglichkeit einer Unterrichtung nicht gewährleistet werden können, so ist zu prüfen, .. wie sich die Minderheit der Erziehungsberechtigten die Beschulung ihrer Kinder in Zukunft denkte.

Hierzu berichtet die Amtsverwaltung Waldbreitbach am 18. 1. 1938 allerdings schon:

»Hier sind noch einige jüdische Schulkinder. Dieselben besuchen keine Schule mehr. Es liegt hier nicht die Möglichkeit vor, den Kindern außerhalb der Volksschule eine Unterrichtung zu Teil werden zu lassen. Die Eltern dieser Judenkinder werden demnächst auswandern. Bemühungen um die Unterbringung dieser Kinder in eine Schule würden erfolglos sein, sind auch im Hinblick auf den Umstand des baldigen Fortzuges unnötig.«

Die Entfaltungs- und Bewegungsmöglichkeiten durch Diskriminierung, administrative und behördlichr Eingriffe gegen die jüdischen Mitglieder der Gemeinde wurden stark eingeschränkt. Söhne und Tochter der Familie Jonas waren bereits emigriert. Verwandte und Angehörige aus der Schweiz und England hatten bereits vor oder kurz nach 1933 ihren Glaubensbrüdern und -schwestern zur Auswanderung geraten und Hilfe angeboten. Soweit die jüdischen Familien noch Ersparnisse zusammentragen konnten, organisierten sie in Einzelfällen ihre Auswanderung und verließen ihre vertraute, sicher auch geliebte Heimat mit aller Ungewißheit, wohin die Wege sie führten und was sie nun auf ihrer mit vielen Fragen behafteten Reise erwartete.

Mit der Verordnung und einem Erlaß des Reichswirtschaftsministeriums (vom 5. 7. 1938 – III Jd. 2818/38 – ergänzt durch eine Verfügung des Regierungspräsidenten Koblenz vom 7. 8. 38 – I – h – 5 Bill. Nr. 109) erfolgte die Aufforderung an alle örtlichen Behörden zum sofortigen Vollzug der Erfassung des jüdischen Vermögens. Es sollte erkundet werden u. a. auch solches Vermögen, welches möglicherweise „für Zwecke der deutschen Wirtschaft Verwendung finden kann“.

Von seiten der Gestapo wird Strafe angedroht für alle Juden, die der Anmeldepflicht des Vermögens nicht nachkommen.

Die Vermögenserfassung ergab folgende Besitzstände:

Grundvermögen

1. Levy Jacob, Wtw. Waldbreitbach 47 ar

2. JonasWolf “ 26 ar

3. Levy Albert “ 9 ar

4. Jonas Louis “ 73 ar

5. Jonas Jacob “ 58 ar

6. Jonas Daniel “ 6 ar

7. Israel. Gemeinde “ 59 ar

8. Geschwister Levy*)

*) davon in Niederbreitbach 4 ar “ 102 ar

Auf diese Erfassung, die an die obere Behörde weitergeleitet wurde, ist der Vermerk geschrieben am 25. 11. 1938: „… Es ist damit zu rechnen, daß in nächster Zeit der gesamte jüdische Besitz in andere Hände übergeht.“

Der Sonderverfügung des Regierungspräsidenten vom 24. 8. 38 (1 – h – 5 – Bill. Nr. 197 gemäß Erlaß des Wirtschaftsministeriums in Berlin II – Jd. 4499/38 vom 19. 8. 38) kommt die örtliche Behörde des Amtes Neuerburg unverzüglich nach und berichtet der Regierung über das Ergebnis einer vorgenommenen Bewertung des jüdischen Vermögens. Auf vorgeschriebenem Erfassungsbogen sind angegeben:

Land- und Forstwirtschaftl. Vermögen RM 8.000,-

Grundvermögen “ 82.000,-

Betriebsvermögen “ 900,-

Sonstiges Vermögen “ 42.115,65

Sa. Wert RM 133.315,65

Lasten und Schulden RM 22.965,47

angemeldetes Vermögen RM 111.550,18

 

Im August 1938 erläßt der Reichsminister des Innern eine Anordnung zur Auskunftsbeschränkung. Es heißt hier u. a.:

„, .. durch Erstarken des volkstümlichen Empfindens und Erwachen des Rassebewußtseins findet im deutschen Volke in steigendem Maße eine innere und äußere Abkehr von den Juden statt“.

Es erfolgt Regelung auf Regelung, ein Erlaß löst den anderen ab, mit stetiger Verschärfung und in allen staatlichen Dienststellen und Behörden, auch in dem überschaubaren ländlichen Umfeld des damaligen Amtes Neuerburg, finden sich Helfer und Helfershelfer, die unter dem Druck des diktatorischen Regimes die Anordnungen vollziehen müssen, wollen sie der Gefahr entgehen, nicht selbst vom Dienst suspendiert zu werden oder schwere Strafen zu erleiden.

Selbstverständlich gibt es auch mutige, risikobereite Bürger, Verwdtungsbeamte und Helfer, die bereit waren, das Los ihrer jüdischen Mitbürger erleichtern zu helfen. Aber wenige Einzelheiten sind bekannt; vieles ist im verborgenen geschhen.

Ehemalige Schulfreundinnen, die von 1928 bis 1936 zusammen die Schule besuchten, korrespondieren miteinander. So eine heute bei Frankfurt wohnende Schülerin der Volksschule Waldbreitbach mit ihrer Freundin Inge Jonas, die bereits in die Schweiz emigriert war. Doch selbst solche Briefkontakte mußten unter Druck örtlicher Parteiorgane eingestellt werden. Allzu regimetreue Postbedienstete drohten der Familie.

Berichtet werden kann auch über Hilfsbereitschaft, die unter großem Wagnis praktiziert wurde. Ende der zwanziger Jahre war eine Halbjüdin – Lotte Müller aus Ratingen – durch ihren wiederholten Kuraufenthalt in Waldbreitbach „gut bekannt“. Lotte Müller hatte es verstanden, sich bis 1942/44 der Verfolgung durch die Nazis zu entziehen. Im Sommer 1944 aber mußte sie aus der Not wieder einmal ein neues Versteck suchen. Der Metzgermeister R. aus Waldbreitbach hat ihr dabei geholfen, denn Frau Müller war in sympathischer Freundschaft mit früheren Bekannten aus Waldbreitbach lange verbunden.

Mit Hilfe ihrer Bekannten wurde sie zunächst in Wüscheid bei einer Familie versteckt, dann vorübergehend in Kurtenacker, später in Fernthal vor den Häschern der Gestapo beschützt. Bis 1986 lebte sie mit ihrem Mann im Raum Düsseldorf (gest. 1986). Es ist nicht mehr herauszufinden, ob und wie lange 6 jüdische langzeitkranke Frauen in der Psychiatrie des St. Antoniuskrankenhauses Waldbreitbach behutsam und unauffällig verborgen wurden. Immerhin war die Krankenhausleitung bereits seit Oktober 1938 gezwungen, Heiminsassen jüdischer Herkunft zu melden.

Hinsichtlich der Kostenbelastung solcher Heimunterbringung für die Gemeinde Waldbreitbach berichtet die Amtsverwaltung am 29. 11. 1938 an die Kreisleitung: „… auf Kosten der hiesigen Fürsorge sind bisher keine Juden untergebracht. Es ist höchstens mit 2 – 3 alten Juden in nächster Zeit zu rechnen, welche heute noch in Waldbreitbach wohnen.“

In die tiefsten Tiefen menschlicher Abartigkeit begaben sich jene Waldbreitbacher SA-Mitglieder, die sich für die »Maßnahmen« der Reichskristallnacht vom 9. zum 10. November 1938 hergaben. Was heißt im Angesichte dieser Verbrechen schon Schuld und Schande? Letztlich sprach man den jüdischen Mitmenschen das Menschsein ab. In den Köpfen der allzu überzeugten Nazi-Gänger hatte sich ein Bild vom Menschen zusammengebraut, das in der Zufälligkeit rassischer Merkmale gründete. Wo blieb der Glaube, daß der Wert des Menschen sich letztlich von der Ebenbildlichkeit Gottes herleite? Wo war die Rede von der Würde des Menschen? Über zweitausend Jahre hatte man ein Bild des Menschen kultiviert, das nun zu Grabe getragen wurde. Jedenfalls wurde in den frühen Morgenstunden im Feuerschein des Waldbreitbacher Synagogenbrandes etwas Bleibendes geboren: sich selbst im Schicksal dieser Juden zu entdecken.

Nun nahmen die „Befehle“ ihren Lauf. Die erwachsenen Manner der jüdischen Familien werden durch Partei- und Polizeibedienstete aufgefordert, sich an einer Sammelstelle einzufinden. In Eile wird ein Abtransport nach Neuwied organisiert. Hier werden sie für den Verlauf des Tages in Gewahrsam genommen. Es handelte sich bei den vorläufig Festgenommenen um folgende Personen:

Jacob Jonas, Louis Jonas, Theobald Levy, Wolf Jonas, Albert Levy.

Fanatismus und Wut, sicher auch der blinde Gehorsam vor der Parteidisziplin führten dazu, daß nun auch in der katholischen Gemeinde Waldbreitbach die beauftragten >Schergen des Regimes< jede Ehrfurcht und jeden Respekt ignorierten und vor der mutwilligen Zerstörung des ehrwürdigen Gotteshauses, das der kleinen jüdischen Gemeinde über 120 Jahre als religiöse Kultstätte gedient, nicht zurückschreckten. Die NS-Gliederungen, angeführt von eifrigen, dem Nationalsozialismus und dem „Führer“ besonders verpflichteten Funktionären, zündeten das Gotteshaus an. Eine fürwahr verbrecherische Tat.

Es waren 3 oder 4 Mann, gemäß der Zeugenaussagen, besonders entscheidend tätig gewesen, als es galt, die Brandstiftung vorzubereiten. Zum Schutze angrenzender anderer Gebäude wurde vorsorglich die Führung der Feuerwehr verständigt, um den Brandschutz für die Anlieger zu übernehmen.

Die Volksschule beendete den Unterricht. Die oberen Klassen marschierten in geschlossener Gruppierung zum »Brandobjekt«. Unter Anleitung sangen die 10- bis 14 Buben und Mädchen: »Flamme empor… leuchtet in loderndem Scheine« und »Unsere Fahne flattert uns voran .. wir marschieren für Hitler durch Nacht und Tod…«

Wenn die mündlichen Berichte zutreffen, so wurden die jüdischen Bürger und Hausbesitzer in Waldbreitbach allerdings vorgewarnt, und zwar von einem ihnen wohlgesonnenen Nachbarn. Möglicherweise hatte dieser die Absprachen der Partei und örtlichen SA-Gruppen erfahren und daraufhin die jüdischen Familien gewarnt. Diese sicherten schnell Türen und Fenster, auch Schaufensteranlagen, und verschlossen diese mit Schlagläden oder Fensterrolläden. Verglichen mit den willkürlichen Zerstörungen in den Nachbarstadten, blieben die Häuser der jüdischen Bewohner in Waldbreitbach leidlich verschont.

Der Bemerkung eines am Brandort anwesenden Bediensteten der Gendarmerie, daß man das kleine Fachwerkhaus der Jüdin Hannchen Levy in direkter Nachbarschaft doch ebenfalls den Flammen überlassen solle, widersprach der für die Brandbekämpfung zuständige amtierende Brandmeister allerdings sehr energisch. Er berief sich auf seine Kompetenz als verantwortlicher Einsatzleiter und sorgte dafür, daß das alte kleine Fachwerkhaus, in dem sich ein kleiner Gemischtladen befand, nicht auch ein Opfer der Flammen wurde. Weder Teile des Inventars noch den jüdischen Gläubigen wichtige Paramente aus dem Kirchenraum konnten sichergestellt werden. Sicher ist allerdings, daß Albert Levy 1941, kurz vor seiner Zwangsinternierung in ein Lager, es möglich machte, einige wenige Utensilien bei einem zuverlässigen Freund in Waldbreitbach zu hinterlassen. Es handelt sich bei den Hinterlassenschaften um die „Schabbeslamp“, so nannten die Bürger hier diese Einrichtung. Dazu gehörten auch das Öllicht und der siebenarmige Leuchter der Synagoge.

Die Familie, welche diese Gegenstände über das Kriegsende hinaus aufbewahrt hat, berichtet, daß diese wenigen Gegenstände der Synagoge 1945 einem jüdischen Mitglied der Gemeinde, welcher die Verfolgung der Nazis überlebt hatte, ausgehändigt wurden.

Das diktatorische Regime hatte seine ganze staatliche Regie und Macht eingesetzt, um durch die Hand verblendeter Nazigrößen an der Basis der Dorfgemeinde die »Judenaktion« mit ihren schrecklichen Folgen zu inszenieren. Es war makaber zu hören, zu sehen, mit welchem Sarkasmus und unverantwortlicher Mißachtung des pädagogischen Auftrages die jugendliche Abenteuerlust und Sensationsgier ausgenutzt und mit ein paar schulfreien Stunden belohnt wurde.

Die Rauchschwaden, die noch Stunden nach dem Ereignis aus den Trümmern der Synagoge in den herbstlichen Tag hinaufstiegen und sich im Tal verbreiteten, wirkten wie ein zaghaftes, aber sicheres, bitteres Vorzeichen dafür, welche nicht vorstellbar bösen Folgen diese Schandtat auch für Waldbreitbach nach sich ziehen sollte.

Unmittelbar nach den Ereignissen der Reichskristallnacht folgte bereits eine vertrauliche Rundverfügung der Kreisleitung der NSDAP (12. 11. 1938):

»Vertraulich !

Der Kreisleiter der NSDAP teilt nach hier vertraulich folgendes mit:

1.) Die bei der Aktion gegen die Juden von den einzelnen Ortsgruppen sichergestellten Gegenstände, seien es Kultgegenstände aus den Synagogen, Wertpapiere., Sicherungspapiere, Geldbeträge, Geschaftspapiere usw. sind durch die Ortsgruppen nicht an die Kreisleitung, sondern sofort an die Ortspolizeibehörden zur Sicherstellung und Aufbewahrung zurückgeben.

2.) Die im Laufe der Aktion beschädigten jüdischen Läden (Geschäftsraume) sind sofort auf Kosten der jüdischen Ladeninhaber in Ordnung bringen zu lassen.

3.) Es ist dem Landrat sofort (binnen 24 Stunden) ein Verzeichnis der jüdischen Geschäfte in 3facher Ausfertigung vorzulegen und zwar nach dem Muster: 1.lfd. Nr. 2. Inhaber des jüdischen Geschäftes 3. Art des jüdischen Geschäftes (z. B. Konfektion, Schuhgeschäft usw.) 4. Bemerkungen.

Auf meine fernmündliche Verfg. nehme ich Bezug.

I.V.«

 

Hierauf erfolgt ein Vermerk der Amtsbehörde vom 14. 11. 1938: »Nachweisungen vorgelegt.«

Am 30. 11. 1938 verfügte die Gestapo Koblenz folgende Anordnung:

„Am Tage der Solidarität des deutschen Volkes haben die Juden keinen Anteil. Alle Juden müssen sich von 12.00 bis 20.00 h in den Wohnungen aufhalten. Das Betreten von Straßen und Plätzen ist untersagt.“

Die Diskriminierung und Erkenntlichmachung der Kleidung mit dem Judenstem genügte dem Naziregime nicht mehr. Durch die staatlichen Stellen und die Parteiorganisationen wurden gern. RMBL 1044 vom 17. B. 38 alle jüdischen Personen aufgefordert, ihrem Vornamen einen echten israelischen Namen voranzusetzen. Frauen mußten zusätzlich den Vornamen Sara führen, die Männer mußten ihrem Vornamen den Namen Israel vorsetzen.

Insgesamt stellten 46 jüdische Personen in der Gemeinde Waldbreitbach den Antrag auf Änderung des Vornamens und gleichzeitige Ausstellung einer neuen Kennkarte mit dem Aufdruck J, und sie mußten einen Fingerabdruck hinterlassen.

Von diesen insgesamt 46 Personen lebten im Nov./Dez. 1938 bereits 24 jüdische ehemalige Einwohner aus Waldbreitbach oder Niederbreitbach in anderen Städten und Gemeinden innerhalb Deutschlands. Beispielsweise: Helene Berg geb. Levy in Oberhausen, Witwe Rosa Levy in Neuwied, Max Levy und Söhne Erwin und Ernst Levy in Köln, Amalie Heilberg geb. Jonas und Ferdinand Heilberg in Meudt, Rosa Levy in Neuwied, Louis Meyer aus Niederbreitbach in Sinzig, Berta Weiner geb. Jonas in Worms, Mathilde Fultheim geb. Meier aus Niederbreitbach in Essen-Steele, Dipl.Hdl. Paul Bernhard Weimer verheiratet mit Berta geb. Jonas in Worms, Leopold Meyer in Essen, Herta Secmberg gob. Jonas in Köln, Isaak Meyer in Sinzig, Frieda Meyer geb. Levy in Neuwied, Erna Wolff geb. Jonas in K61n, Samuel Meyer, Amalie Samuel, Josefine Samucl (genannt Veilchen) in Linz, Rosalia Fröhling geb. Meyer in Thur Kr. Mayen, Elise Marx geb. Jonas in Bonn, Ludwig Wolf in Freiburg, Rosa Levy in Honnef.

Die administrativen antisemitischen Maßnahmen werden ständig verstärkt. Anfang 1939 wird die „Entjudung des Grundbesitzes“ eingeleitet.

Laut Erlaß (RGB1 I S. 1709) werden die Gemeindebehörden angehalten, über jeden Verkauf jüdischer Grundstücke zu berichten. Die Gemeinden werden aufgefordert, Interessenten für den Erwerb des jüdischen Besitzes anzugeben und zu verdeutlichen „…, weshalb sie (die Behörde) den Vorgeschlagenen für geeignet und andere für ungeeignet halten“. Die geforderten Angaben sind zu richten an die Gauleitungen, das Finanzamt und den Oberfinanzpräsidenten.

Hierzu sind spezielle Vermerke über die Schätzung des Kaufpreises gefordert, „… streng darauf zu achten, daß bei der Abschätzung des Grundstückes der wirkliche Schätzwert festgestellt wird. Jede zu niedrige Schätzung schädigt die Interessen des Reiches«.

Nach dem Vertragsabschluß war es den jüdischen Besitzern noch erlaubt, das Wohnrecht in ihrem Anwesen fur ein Jahr in Anspruch zu nehmen.

Aus einer Bewertungsniederschrift zum Anwesen Wolf Jonas, Waldbreitbach, ist auszugsweise zu entnehmen:

„Wegen Unzuverlässigkeit des Betriebes wurde die Metzgerei geschlossen. Das Haus liegt in günstiger Geschäftslage. Fachwerkbau, ca. 150 Jahre alt, Zustand gut. Metzgerei und Kühlanlage entsprechen den Vorschriften, ebenfalls das Schlachthaus. Bauwert wird geschätzt auf RM 7.000,–, Ertragswert geschätzt auf RM 8.000.–. Verkaufswert bei Verkauf unter RM 8.000.–.“

Bevor die Verkehrswertermittlung durchgeführt wurde, machte die Behörde dem Besitzer Wolf Jonas Vorhaltungen:

„… Sie treten mit Forderungen auf, die glatt als wucherhaft bezeichnet werden müssen. Es ist nicht unbekannt geblieben, daß Sie bei der Veräußerung von alten Möbeln und Einrichtungen bereits Preise gefordert und angenommen haben, die weit über Wert liegen. Es wird Ihnen nahegelegt, sich mit dem Käufer uber einen gerechten Preis einig zu werden. Widrigenfalls sich die Behörde entsprechend den ergangenen Bestimmungen einschalten wird.“

Im März 1939 fordert die Kreisverwaltung u. a.:

»Nachdem die Schätzungen der jüdischen Grundstücke durchgeführt sind, ist der Kaufakt zu tätigen; – dabei ist festzustellen, ob der Jude mehr als 2/4 des Schätzungswertes zur Deckung seiner Schulden und der Auswanderung braucht, – und ob ihm nach Abzug des 1/4 des Betrages ihm nicht zu viel verbleibt. Belege sind beizubringen.«

Im Vollzug dieser zutreffenden Verfügung berichtet die Behörde Waldbreitbach am 7. 3. 1939 über die Veräußerung der Waldbreitbacher Juden:

1. Louis Jonas und Jacob Jonas

2. Theobald Levy

3. Ww. Isar Levy

4. Wolf Jonas

5. Robert Jonas

 

Der Nazi-Terror zwang einen Teil der Waldbreitbacher Juden auszuwandern, sofern Bekannte im Ausland und die finanziellen Mitteln dies zuließen. Darunter befanden sich:

Geburtsdatum:

Wolf Jonas 11.08.1869 Waldbreitbach

Louis Meyer 11.11.1882 Niederbeitbach

Louis Jonas 15.02.1882 Waldbreitbach

Bernard Levy 20.06.1887 Waldbreitbach

Willy Jonas 04.09.1888 Waldbreitbach

Jacob Jonas 04.03.1890 Waldbreitbach

Selma Jacob 12.06.1890 Niederbeitbach

Siegfried Jonas 15.10.1891 Waldbreitbach

Berta Jonas 07.10.1893 Waldbreitbach

IdaJonas 08.02.1899 Waldbreitbach

Sally Jonas 02.05.1902 Waldbreitbach

Josef Jonas 11.06.1903 Waldbreitbach

Irma Levy 30.08.1903 Waldbreitbach

Ilse Jonas 27.04.1905 Waldbreitbach

Elly Jonas 03.09.1906 Waldbreitbach

Erich Jonas 08.02.1907 Waldbreitbach

Hugo Jonas 01.08.1909 Waldbreitbach

Irene Levy 24.01.1921 Waldbreitbach

Inge Jonas 01.09.1921 Waldbreitbach

Dora Jonas 06.04.1923 Waldbreitbach

Elsbeth Jonas 14.11.1923 Waldbreitbach

 

In den Haftanstalten und Konzentrationslagern des nationalsozialistischen Regimes sind nachstehende Bürger der Gemeinde an Folgen der Folterungen, Krankheit, Unterernährung oder durch Vergasung ums Leben gekommen.

geboren: Wohnort

Regina Levy 16.01.1881 Waldbreitbach

Albert Meyer 05.08.1877 Niederbreitbach

Isaak Meyer 13.08.1878 Niederbreitbach

Max Levy 05.04.1882 Waldbreitbach

Johanna Levy, geb. Errmann 26.11.1890 Niederbreitbach

Mathilde Meyer 01.03.1885 Waldbreitbach

Albert Levy 30.06.1885 Waldbreitbach

Zilly Levy 10.02.1893 Waldbreitbach

Rosalia Meyer 04.11.1887 Waldbreitbach

Rosa Levy 10.12.1889 Waldbreitbach

Rosa Levy 19.10.1890 Waldbreitbach

Blondine Levy 04.05.1891 Waldbreitbach

Erna Levy 19.09.1891 Waldbreitbach

David Levy 06.12.1891 Waldbreitbach

Richard Levy 01.01.1892 Waldbreitbach

Martha Levy 09.11.1892 Waldbreitbach

Fried Levy 04.07.1896 Waldbreitbach

Hertha Jonas 29.11.1896 Waldbreitbach

Theobald Levy 12.10.1897 Waldbreitbach

Irma Levy, geb. Süßmann 28.05.1909 Waldbreitbach

Robert Jonas 01.10.1898 Waldbreitbach

Mathilde (Betty) Jonas, geb. Siegler

 

?

Waldbreitbach

Dora Mathilde Jonas 19.06.1910 Waldbreitbach

Ruth Levy 10.12.1919 Waldbreitbach

Rosa-Lore Jonas 15.12.1925 Waldbreitbach

Ilse Levy 11.07.1926 Waldbreitbach

Siegbert Jonas 27.08.1928 Waldbreitbach

Liesel Levy 22.09.1930 Waldbreitbach

Kurt Levy 06.12.1932 Waldbreitbach

Ursel Levy 12.08.1937 Waldbreitbach

 

Haft- und Internierungszeiten in den Konzentrationslagern haben überlebt:

geboren: Wohnort

Erwin Levy  geb.: 01.10.1921 Waldbreitbach – gestorben: 25.01.2006 in Palm Desert (USA)

Ernst Theodor Levy geb. : 09.03.1926 Waldbreitbach – gestorben: 30.12.2012

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